SUEDDEUTSCHE ZEITUNG
September 3, 2007
FEUILLITON
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Darwin war nur eine Phase

Landleben in Connecticut: Sechs Wissenschaftler finden die Zukunft in der Gentechnik

Die Ursprünge des Lebens waren das Thema dieses Sommertages, an dem sich sechs

Pioniere der Wissenschaften auf der Eastover Farm in Connecticut trafen. Der Physiker und Wissenschaftstheoretiker Freeman Dyson hatte das Motto als "Leben: was für ein Konzept!" formuliert. Ein ironischer Slogan für ein äußerst  komplexes Problem, das Seth Lloyd, Quantenmechaniker am MIT, mit dem Satz  umschrieb, die Wissenschaft wisse inzwischen alles über den Ursprung des  Universums und fast nichts über den Ursprung des Lebens. Ohne dieses Wissen  stocherten die Wissenschaften an der Schwelle zum biologischen Zeitalter allerdings weitgehend im Dunklen. Und ohne dieses Wissen werde es schwer sein, mit dem neuen Weltbild umzugehen, das sich da anbahne.
Eingeladen hatte der Sachbuchagent John Brockman. Der Rahmen war dem Thema angemessen distinguiert. Seine Eastover Farm liegt in jenem Teil Connecticuts, in dem sich die reichen und berühmten New Yorker niederlassen, denen die Badeorte in den Hamptons zu laut und protzig geworden sind. Da saßen die Koryphäen dann unter den rauschenden Wipfeln der Ahornbäume an langen, schattigen Tafeln und sprachen, nur von kurzen Pausen am Salatbuffet im Farmhaus unterbrochen, über Ursprung und Zukunft des Lebens.

Sie blieben an diesem Tage weitgehend unter sich, weil Brockman nur ein halbes Dutzend Journalisten eingeladen hatte. Die Denker sollten sich nicht lange mit laienhaften Fragen aufhalten, sondern in einer Art Salon gemeinsam auf neue Ideen kommen. Das ist allerdings auch für Laien interessant, weil sich mit Dyson, Lloyd, dem Genforscher George Church, dem Chemiker Robert Shapiro sowie dem Astronomen Dimitar Sasselov und dem Biologen und Entschlüssler des Genoms J. Craig Venter an diesem Tag sechs Männer getroffen hatten, die zwar jeder für sich enorme wissenschaftliche Leistungen erbracht hatten, die sich aber als Vertreter ganz unterschiedlicher Felder nicht auf ihre Einzeldisziplinen zurückziehen konnten. Auch wenn man sich spätestens in dem Moment als Außenseiter fühlte, als Robert Shapiro einen Witz über Ribonukleinsäuren machte, was nur unter den Wissenschaftlern zu großem Gelächter führte.

Freeman Dyson, ein zerbrechlicher Herr von 84 Jahren, begann den Morgen mit einer seiner legendären Provokationen: Die darwinistische Evolution sei nur eine kurze Phase von drei Milliarden Jahren im Leben dieses Planeten. Diese Phase komme bald an ihr Ende. Nach seiner Auffassung seien auf die Urzeit der wahllosen Zellsammlungen zunächst die RNS-gesteuerten Organismen gefolgt, die erst in der dritten Phase des irdischen Lebens gelernt hätten, miteinander zu funktionieren. In der vierten Phase sei die Fortpflanzung hinzu gekommen, in der fünften Phase mit den multizellularen Wesen auch das Prinzip des Sterbens.

Ende der natürlichen Auslese

Nun aber befänden wir uns in der sechsten Phase der Evolution, die durch das Ausleseverfahren des Darwinismus extrem langsam voranschreite. Das aber habe bald ein Ende, schließlich sei abzusehen, dass es Männern wie George Church und J. Craig Venter in den nächsten fünf bis zehn Jahren gelingen werde, das Genom nicht nur zu lesen, sondern auch neue Genome zu schreiben. Sozusagen das wahre "Intelligent Design". Was das bewirken könnte, ist nur schwer vorstellbar. Doch Freeman Dyson findet ein nachvollziehbares Bild. Anfang der fünfziger Jahre habe er in Princeton erlebt, wie der Mathematiker John von Neuman einen der ersten programmierbaren Computer konstruierte. Er habe ihn gefragt, wie viele Computer es wohl einmal geben werde, worauf von Neuman geantwortet habe, 18 Computer genügten vollkommen für eine Nation wie die USA. Heute, 55 Jahre später, befänden wir uns mitten im Zeitalter der Physik, und Computer seien ein fester Bestandteil des modernen Lebens und der Kultur.

Nun aber werde das biologische Zeitalter anbrechen. Die Gentechnik werde bald schon unser tägliches Leben ähnlich formen und bestimmen, wie es die Computer heute tun. Das klingt nach Science Fiction, ist aber schon wissenschaftliche Realität. So berichtete der Gentechniker George Church, er habe biologische Bausteine synthetisch herstellen können, und es sei nur eine Frage der Zeit, bis man auch Organismen herstellen könne, die sich selbst vermehrten. Vor allem, nachdem es J. Craig Venter gelungen sei, die Kopie eines DNS-basierten Chromosoms in eine Zelle einzusetzen, die sich daraufhin von diesem DNS-Strang führen ließ.

Venter, ein braungebrannter Hüne mit der Figur eines Surfers und dem Jagdinstinkt eines Industriekapitäns, weiß um die Dimension dieser mikrobiologischen Heldentat. Und um die Möglichkeiten, seiner Forschung, mit Bakterien biologische Energie zu erzeugen. Er spricht es nicht aus, aber er ist er auf dem besten Wege, eine ähnliche Schlüsselfigur für das biologische Zeitalter zu werden, wie es Bill Gates für das physikalische war. Und er weiß auch um die moralischen Implikationen. Er habe den Bioethiker Art Kaplan in den neunziger Jahren beauftragt, eine Studie zu erstellen, ob es ethische oder religiöse Einwände geben könnte, ein neues Genom zu schaffen. Keine der befragten Religionen und Philosophien habe da ein Problem gesehen.  Man mag von solchen Auftragsstudien halten, was man will. Hier in Eastover
träumen die Wissenschaftler von einer glorreichen Zukunft. Weil aber jede wissenschaftliche Erkenntnis sowohl für eine Utopie, wie für eine Dystopie genutzt werden kann, bleibt der Wissenschaft die Moralfrage langfristig nicht erspart.

Die Sonne verfärbt sich hinter den Baumwipfeln schon rosa, als der bulgarische Harvard-Astronom Dimitar Sasselov noch einmal daran erinnert, wie einzigartig und gleichzeitig instabil die Balance unseres irdischen Lebens ist. Rund hundert Millionen Planeten habe man in unserer Galaxie gefunden, die theoretisch organisches Leben beherbergen könnten. Die Erde habe unter ihnen nicht einmal die allerbesten Bedingungen, sei sogar im Grenzbereich. "Die Erde ist nicht besonders bewohnbar", schließt er seinen Gedanken. Da kann J. Craig Venter nicht anders, da muss er als Utopist kommentieren: "Aber es wird immer besser."

ANDRIAN KREYE

Die Wissenschaft weiß alles über den Ursprung des Universums und nichts über den Ursprung des Lebens. Foto: AP/NASA


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