WELCHES UNIVERSUM DARF ES DENN SEIN?
Wie Fünf Stars der amerikanischen Wissenschaft sich in Connecticut Erste und Letzte Dinge Erklären / Von Jordan Mejias

Mittwoch, 28. August 2002, NR. 199 / Seite 33


Zwischen New York und Concord, wo die neuenglischen Transzendentalisten um Henry David Thoreau und Ralph Waldo Emerson einst über den Entwurf einer neuen Gesellschaft nachdachten, liegt auf halbem Weg die Eastover Farm. Der Farmer dort hat es gern eine Nummer größer. Wenn er, der werktags auf dem internationalen Markt mit Büchern und Autoren handelt, an einem makellosen Sommertag fünf Stars der amerikanischen Wissenschaft bei sich empfängt, peilt er garantiert Gewaltiges an. Diesmal sollen sie ihm im üppig grünenden Connecticut den Kosmos erklären, seinen Ursprung, seine Dauer, sein Ende. You have to think big, wird gleich einer der Kosmologen sagen. Und damit John Brockman, dem Propheten der Dritten Kultur und erprobten Sonntagsfarmer, aus dem Herzen sprechen.

Seth Lloyd ist als erster dran. Weil, er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) gewöhnlich Atome massiert, um ihnen , die Informationsverarbeitung schmackhaft zu machen, stellt er sich und uns das Universum als Riesenrechenmaschine vor. Ein Quantencomputer, der, nach Moore's Law, in sechshundert Jahren die gesamte universal vorrätige Energie verbraucht hätte. Dann gehörte das All der Firma Microsoft. Lloyd, Schlitzohr wie Wissenschaftler, gibt seiner Hoffnung Ausdruck, daß uns Bill bis dahin eine zuverlässigere Software als Windows zur Verfügung stellt.

"Klingt das alles, als sei ich verrückt geworden?" So fragt er, nur um prompt die kaum beruhigendere Antwort nachzuliefern: So reden Leute, die sich mit Quantenmechanik beschäftigen. Mithin dürfen alle hier Versammelten sich eingeschlossen fühlen, Paul Steinhardt ohnehin, der von Lloyds computationalem Universum hinüberwechselt zum zyklischen, das er bevorzugt. Zunächst aber freut sich der theoretische Astrophysiker aus Princeton über unsere gloriose Gegenwart, eine Ausnahmeperiode in der Geschichte der Menschheit, die im Begriffe sei, eine neue Stufe ihrer Evolution zu erklimmen. Vor ihr liegen, schaut nur alle aufmerksam her, die Schnappschüsse von der Geburt und den Lehr- und Wanderjahren des Universums. Während jedoch Steinhardts Kollegen überwiegend der Meinung sind, die Grundzüge der kosmischen Historie klar herausgearbeitet zu haben, meldet er seine Zweifel an. Sein Gegenmodell, das mit der allgemein akzeptierten Vorstellung vom Urknall bricht, begreift die Zeit als ebenso unendlich wie den Raum und die Evolution des Kosmos als zyklischen Prozeß. Steinhardt, der in Princeton als "Albert Einstein Professor in Science" wirkt, ist sich passenderweise sicher, für sein Universum in Zyklen seinen Lehrstuhlpatron Einstein nicht minder begeistern zu können als Nietzsche, von hinduistischen Denkern gar nicht zu reden.

Soweit die gute Nächricht: Der Big Bang, in Wahrheit ein sirnpler Bang. Dem absehbaren Ende folgt unweigerlich ein neuer Anfang. Die schlechte Nachricht besteht darin, daß wir nach Ablauf von vierzehn Milliarden Jahren in einer Endpphase leben. Den Neubeginn werden wir wohl fremden Wesen überlassen müssen. Wie gut hatten es die Epikureer, die lange vor den Kosmologen von der Eastover Farm noch an die Unendlichkeit eines einzigen Universums glaubten, um so die Angst vor dem Tod zu vertreiben. Steinhardts Entwurf vom ewigen Zyklus, in dem Expansion und Crash sich abwechseln, hat noch einen anderen Haken. Nach den Gesetzen der Relativitätstheorie müßte eine ganze Menge, ja eine immerzu wachsende Menge Entropie übrigbleiben. Wer oder was hilft aus dem Dilemma? Zum Beispiel die Fadentheorie, die im subatomaren Bereich statt Wellen und Teilchen feine Fädchen gewahren will. Wem dieses Universalerklärungsmodell noch zu spekulativ ist, der hält sich besser an die fachmännisch getestete und eifrig erweiterte Vision vom inflationären Uhiversum.

Zumindest wie das nun auszusehen hat, kann uns sein Entdecker, der ebenfalls am MIT forschende Alan Guth, erklären. Da wird es still in der kleinen Runde, die sich im Schatten eines fast kosmisch betagten Ahornbaums niedergelassen hat, so still, als solle die Natur, die irdische zumal, mitlauschen können. Inzwischen, erklärt Guth, hat sich die Inflationstheorie vielfach verästelt. Eines ihrer konventionelleren Modelle borgt vom, Big Bang und verleugnet ihn zugleich. Wie Materie entsteht, wie es wieder und immer wieder zur rasanten Expansion und Evolution kommt, wird aufgezeigt, aber der Anlaß, der Big Bang eben, ausgespart. Für den Inflationstheoretiker ist das Universum flach, homogen, isotrop, also allüberall mit denselben Eigenschaften ausgestattet. Und es ist geschlossen. Woraus er folgert, daß Parallelen sich irgendwann einmal schneiden und eine Rakete mit genügend Treibstoff über kurz oder sehr, sehr lang an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt. Nebenbei gefragt: Was passiert mit der dunklen Materie, jenem Mysterium, dessen Realitätspartikel sich bisher nur in Gravitationskräften zur Stabilisierung der Galaxien andeuten?

Erst einmal gibt es Lachs und grünen Spargel. Dazu Gespräche nicht über kosmologische Rätsel, sondern Schnürsenkel. Mit dem Themenwechsel ist der wissenschaftliche Touch keineswegs beurlaubt. Herauszufinden, warum Schnürsenkel, die unterschiedlich gebunden werden, als Endresultat die gleiche Schleife aufweisen, scheint mathematisch kolossal kompliziert zu sein. Und natürlich kommt "A New Kind of Science" zur Sprache, Stephen Wolframs Wissenschaftswälzer der Saison, in dem sich das Universum als Zellularautomat outet. Überschätzt, ist die Konsensmeinung. Kein revolutionäres Manifest. Keine Frage, daß die Patterns, die Wolfram Seite um Seite ausbreitet, nicht ausreichen, einen evolutionären Prozeß auszulösen. Die algorithmische Komplexität? Wem ist die Erkenntnis nicht längst unter der Dusche gekommen. Das Raumfahrtprogramm schleicht sich über Kaffee und Keksen in den Diskurs. Ein Unterfangen, das Kosmologen weniger entzückt als erheitert. So avanciert wie die kubanische Autoindustrie, spottet eine Koryphäe. Reine Performancekunst, sagt eine andere, ein Segen lediglich für die Wirtschaft in Houston. Raumfahrt gibt es, damit und weil es sie gibt, spottet eine dritte.

Vorbei am Tennisplatz, den die progressive Farm nicht entbehren mag, geht der Verdauungsspaziergang durch den Tannenwald zum tiefgrünen Teich, und auf dem Weg zurück verrät uns Ray Kurzweil, der Messias der spirituellen Maschinen, warum kosmologische Spekulationen ohnehin bald überflüssig sind. Wenn demnächst die Singularität erreicht ist, ein transhumaner Intelligenzgrad, der seine Existenz der Verschmelzung von Mensch und Maschine verdankt, liegt das Schicksal des Universums in unseren wie auch immer gestalteten Händen. Dann können wir nach Lust und Laune das Universum manipulieren, müßten uns folglich jetzt um Expansionsneigungen und Kontraktionsgefahren keine großen Sorgen machen.

Unter Ahornbaum, in dessen Schatten das Fünfergremium sich rekonstituiert, kommt an die Reihe Marvin Minsky, der legendäre Mitbegründer des Artificial Intelligence Laboratory am MIT. Er widmet sich dem emotionalen Universum, drückt sich dabei nicht um Fragen, die niemand mehr zu fragen wagt: Wer hat das Universum geschaffen? Und warum? Seine Antwort: Das Universum ist viel zu komplex, um dafür eine einzige Erklärung zu haben. Oder sollte er lieber Universa sagen? Unser Universum sei womöglich eines unter vielen, außerordentlich bloß deswegen, weil wir es zum Essen und Trinken und Lieben, zum Denken und Fühlen, kurz, zum Leben benutzen. Falls wir darin leben. Schließlich konnten wir auch einer Simulation erlegen sein. Wer aber hätte dann das Programm entworfen? Selbst Minsky weiß nicht weiter.

Letzte Chance für die finale Erleuchtung: Ray Kurzweil. Hinein in sein intelligentes Universum will er sich vom exponentiellen Beschleunigungsprozeß der Technologie treiben lassen, der er zutraut, auch die Lichtgeschwindigkeit zu übertreffen. Die Kollegen von der Akademie blicken skeptisch drein, melden aber keinen Widerspruch an. Wir werden die Geheimnisse der Intelligenz entschlüsseln, fährt Kurzweil fort, wir werden in dreihundert Jahren dank der Fusion von biologischer und nichtbiologischer Intelligenz das Universurn beherrschen. Der Vergangenheit traut er darum eigentlich nicht zu, uns kompetent durch die Zukunft zu weisen.

Soviel Optimismus verschlägt den Kollegen dann doch fast die Sprache. Sie retten sich in die freiflottierende Debatte, die sie noch einmal kreuz und quer durchs Universum treibt. Guth macht uns Mut vor schwarzen Löchern, nicht zu verwechseln mit kosmischen Wurmlöchern, die Kurzweil, darin den Star-Trek-Helden ebenbürtig, als Abkürzung für seine intergalaktischen Exkursionen benutzen und so auch das Licht überholen will. Steinhardt gibt zu bedenken, daß wir mit dem meisten, woraus der Kosmos besteht, nicht vertraut sind und seine größte Kraft, die dunkle Materie, nicht verstehen. Verstehen? Es gibt keinen rationalen Prozeß, wendet Minsky ein, die Vorstellung entspringt einem Mythos. Emotion ist in seinem Kosmos ein Wort, mit dem wir eine andere, bislang unbegreifliche Art unseres Denkens umschreiben. Emotion, übertrifft ihn Kurzweil, ist eine höchst intelligente Variation des Denkens. Im Landgasthaus, sagt Brockman emotionsneutral, wartet das Abendessen.


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[English translation]

John Brockman, Editor and Publisher

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