Die Antwort kennt nur der Salon
Aber wer stellt die Fragen? Auch Wissenschaftler der Dritten Kultur suchen nach Naturgesetzen

NEW YORK, im Januar


Alles, was einfach genug ist, verstanden zu werden, wird nicht kompliziert genug sein, sich intelligent zu verhalten, während alles, was kompliziert genug ist, sich intelligent zu verhalten, nicht einfach genug sein wird, um verstanden zu werden. So lautet des neueste Naturgesetz, das die Welt dem Wissenschaftshistoriker George B. Dyson verdankt. Er hat es rechtzeitig zum Jahresanfang formuliert, was einfach genug ist, um kompliziert zu sein. Denn dergestalt intelligent hat Dyson sich verhalten, weil er dazu eingeladen wurde, und zwar zusammen mit nahezu zwei Hundertschaften Denkern, Forschern und ihren Verehrern, die sich gern im Internetforum Edge treffen.

Edge wiederum ist die Erfindung John Brockmans, des New Yorker Apologeten der Dritten Kultur, die ihm genügend Zeit und Muße läßt, neben seinen beträchtlichen Aktivitäten als Literaturagent einen virtuellen Salon zu unterhalten. Dort stellt er den vernetzten Salonisten alljährlich eine Frage, die in der Regel einfach genug ist, um auch komplizierten Antworten Raum zu geben.

Die neueste Ausgabe des zwischen wissenschaftlichem Ernst, ironischer Bedeutung und tieferem Scherz angesiedelten Gesellschaftsspiels hat das Naturgesetz zum Thema. Welches, fragt Brockman seine Geistesgrößen, sei aus ihren empirischen Forschungen herauszufiltern und somit würdig, ihren Namen zu tragen? Was einem Kepler und Newton recht war, soll heutzutage, warum auch nicht, etwa einem J. Craig Venter billig sein. Der nun, nicht minder strebsam als sein Agent, nennt gleich fünf Gesetze, darunter die Nummer drei, nach der uns erstmals in der Geschichte der Menschheit das Instrumentarium zur Verfügung stünde, praktisch jede Frage zur Biologie und unserer eigenen Evolution zu beantworten.

Als Erkenntnis des Genomentschlüßlers mag das kaum überraschen, und auch Ray Kurzweil, längst in die Zukunft vorausgeeilt, bleibt mit seinem Gesetz des beschleunigten Ertrags durchaus im Rahmen der Erwartungen. Weil Kurzweil sich angestrengt hat, das Resultat seiner Beobachtungen fast auf Buchlänge auszudehnen, sei auf die Website www.edge.org verwiesen, die sämtliche Beiträge in aller Ausführlichkeit anbietet. Aphoristische Verdichtung ist gleichwohl vielen Mitgesetzgebern und -findern nicht fremd. So stellt der Archäologe Timothy Taylor lapidar fest, es könne kein Gesetz übers menschliche Verhalten geben. Er ist nicht der einzige Skeptiker in der erlauchten Runde. Dem Biologen Rupert Sheldrake kommen Naturgesetze eher wie Gewohnheiten vor, und der Kulturhistoriker James J. O'Donnell warnt: Wenn es sich gut anfühlt, tu's nicht. Wer es doch tut, sollte es aber kräftig tun, wie Luther schon beim Sündigen empfahl. Pecca fortiter - wenn schon, denn schon.

Vom Mathematischen und Biologischen, Ökonomischen und Sozialen schweifen die Antworten ins Kosmologische und machen auch vor der Religion nicht halt. Ausgerechnet Richard Dawkins, Entdecker des egoistischen Gens und vielleicht auch darum bekennender Atheist, meint, in Gott immer den Sieger zu erkennen. Zwar würden die Götter kleiner, wenn unserer Wissen größer werde, aber sie wüßten sich immer wieder neu zu definieren und so den Status quo wiederherzustellen. Ähnliches hat der Ökonom und Psychologe Nicholas Humphrey bei der Analyse des Gebets festgestellt. In einer gefährlichen Welt wie der unseren werde es immer mehr Leute geben, deren Gebete erhört wurden, als solche, die sich vergeblich auf die Knie warfen. Obschon uns das einleuchtet, kommen wir sogleich wieder beim Philosophen Daniel C. Dennett ins Grübeln, der dem "bedürftigen Leser" bescheinigt, er pflichte in der Regel Argumenten bei, die ihm gefielen, auch wenn sie nichts taugten.

Ein Problem? Unlösbar gar? Von Natur aus unlösbare Probleme, behauptet der Quantenphysiker David Deutsch, seien auch von Natur aus langweilig. Damit mag er zwar vielen ein Rätsel aufgeben, aber das ist gleichsam ein wissenschaftlicher Akt. Jede gute Wissenschaft, erklärt nämlich der Astrophysiker Paul Steinhardt, ersetze jedes Rätsel, das sie löste, mit zwei neuen. Wahrscheinlich sind sie alle auch der Kultur zuzurechnen, für die endlich Brian Eno, der Allround-Avantgardist, eine Definition liefert. Kultur, verrät er, ist all das, was wir nicht tun müssen.

Ein Fall für Steven Pinker, den experimentellen Psychologen, der sich über menschliche Intelligenz und gesellschaftliches Verhalten Gedanken macht. Dabei verfährt er behutsamer als David Gelernter, dem gleich drei (Natur-)Gesetze einfallen. Erstens machten Computer dumm, konstatiert der Computerwissenschaftler, zweitens sei ein Experte mehr wert als eine Million Intellektuelle, und drittens warteten Wissenschaftler zwar mit richtigen Antworten auf, keinem von ihnen fiele aber auch nur eine einzige richtige Frage ein.

Am Ende mag es den Wissenschaftlern wie dem Rest der Menschheit gehen, den sich der Psychologe David G. Myers vorgeknüpft hat. Die meisten Leute, verkündet er, hielten sich für überdurchschnittlich. Als wäre das nicht schlimm genug, schickt er auch noch das Myerssche Gesetz des Schreibens hinterher: Was mißverstanden werden kann, wird mißverstanden werden. Also besser nichts verstehen? Gregory Benford hält jede Technologie, die uns nicht wie Magie erscheint, für nicht avanciert genug. Aber was heißt avanciert? Das Leben, hat der Hirnforscher Ernst Pöppel festgestellt, verläuft im Dreisekundentakt. Und dem kann auch die Avantgarde nicht entrinnen.

JORDAN MEJIAS

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