FEUILLETON

Ausgabe vom 31.8.2007



Lasst uns Gott spielen!

Lebensfragen: J. Craig Venter programmiert die Zukunft

EASTOVER FARM, 30. August

War die Evolution nur ein Zwischenspiel? Auf Einladung von John Brockman diskutierten Koryphäen wie J. Craig Venter, Freeman Dyson, Seth Lloyd, Robert Shapiro und andere die Frage: Was ist Leben?

Es klingt nach Seemannsgarn, was der Wissenschaftler, der wie ein Seebär aussieht, zum Besten gibt. Den Ozean besingt der braungebrannte Abenteurer mit dem kurzgeschorenen Graubart als ein Meer aus Bakterien und Viren, unvorstellbar in ihrer Vielfalt. Und auch in ihren, sagen wir, Lebensgewohnheiten. Wovon aber leben Organismen? Wie der Mensch nicht allein von Luft und Liebe. Ohne Nährstoffe, heißt es, könne es kein Leben geben. Stimmt nicht, sagt der Seebär. Manchmal reicht schon die Energiezufuhr, wie sie zum Beispiel vom Sonnenlicht garantiert wird.

Ob daraus etwas für unser sehr spezielles Leben zu lernen wäre? J. Craig Venter, der genialische Genom-Entschlüssler, der zwischendurch auch mit seinem Segelboot auf Entdeckungsfahrt rund um die Welt geht, lässt seine Flipflops wippen, wenn er uns über derart verblüffende Phänomene des Lebens erzählt. Uns, das sind ein paar handverlesene Journalisten und ein halbes Dutzend Wissenschaftsstars, die sich John Brockman, der Guru der allumfassenden "Dritten Kultur", auf seine Farm im neuenglischen Connecticut eingeladen hat.

Entspannt, immer für ein Bonmot empfänglich, aber doch mit heiligem Ernst geht die Koryphäenschar an die Arbeit, unter Brockmans Regie. Er ist ein Meister der einfachen, direkten Frage, die unweigerlich die komplexesten Antworten, die heißesten Spekulationen und Debatten nach sich zieht. So auch jetzt, da er seinen virtuellen Salon, unter dem Namen Edge jederzeit im Internet anklickbar, einen idyllischen Sommertag lang in das, was gemeinhin als Wirklichkeit gehandelt wird, verlegt. Es geht diesmal um nichts weniger als das Leben selbst.

Wenn Venter dort übers Leben spricht, scheint er aus dem Drehbuch eines hochgradig verstiegenen Science-Fiction-Films vorzulesen. Wir sollen etwa an Organismen glauben, die nicht nur gefährliche Strahlungen überleben, sondern auch gesund und munter eine Reise durchs Universum hinter sich bringen. Ausgerechnet er, der revolutionäre Genetiker, warnt jedoch vor einer allzu genzentrischen Haltung, um dem Leben auf die Spur zu kommen. Denn wie sich ein Gen bemerkbar macht, hängt nicht zuletzt von ungerühmten Hilfstruppen, den Transportergenen, ab. Gleichwohl hält er den genetischen Code für besser geeignet, Lebewesen einzuordnen, als die herkömmliche Klassifizierung nach Arten.

Die Kollegen nicken dazu, wenn sie nicht einvernehmlich lächeln. Aber das kann nicht alles sein, was Venter in petto hat. Schließlich hat er gerade mit der Ankündigung Furore gemacht, seinem Institut sei es gelungen, das Genom einer Bakterie in eine andere zu transplantieren. Er hat damit einen Organismus neu programmiert. Soll er das dürfen? Eine Frage nicht bloß für Naturwissenschaftler. An Ethikern, Philosophen oder gar Theologen fehlte es zwar auf der Eastover Farm, aber Venter hatte vorgesorgt. Ein Jahr nahm er sich Zeit, um bei den großen Religionen nachzufragen, ob es in Ordnung gehe, Leben im Labor zu synthetisieren. Kein einziger Religionsvertreter soll etwas dagegen gehabt haben. Alle seien sie sich sensationell einig gewesen: Es ist okay, Gott zu spielen.

Darüber hätte wohl mancher gern mehr gehört, aber der Tag im Schoße der Natur war dazu da, Themen anzureißen, nicht, um erschöpfend Auskunft zu geben und zu erhalten. Es reichte, um die, im Guten wie im Bösen, aufregendsten Visionen hervorzulocken. Durchaus erschreckende Züge hat bereits der ultimative Identitätsklau, den Venter mit seinem Genomaustausch eingestand. Was, wenn eine Zelle von fremder DNS gekapert würde? Wäre das nicht ein Albtraum in der Gestalt eines echt darwinschen Sieges des Stärkeren über den Schwächeren? Venter trug da gezielt düstere Farben auf, nachdem Freeman Dyson uns gerade ein viel lieblicheres Bild der Zukunft ausgemalt hatte.

Dyson, der große, nicht einmal ganz vierundachtzig Jahre junge Physiker und Futurist, betrachtet die Evolution als Zwischenspiel. Nach seiner Rechnung währte der Wettbewerb der Arten gerade mal drei Milliarden Jahre. Vorher, so Dyson, übten sich die Lebewesen im horizontalen Gentransfer, will sagen, sie zogen den friedlichen Tausch von Information unter ihresgleichen vor. Seit zehntausend Jahren, seit der Homo sapiens sich die Biosphäre untertan machte, sieht Dyson nun wieder den alten Modus Operandi hergestellt, wenn auch in abgewandelter Form.

Das Szenario geht so: Die kulturelle Evolution, die sich durch Ideentransfer auszeichnet, hat die viel langsamere biologische Evolution abgelöst. Ideen, nicht Gene geben heute den Ausschlag. Indem der Mensch aber die Biotechnologie für sich nutzbar macht, nimmt er den abgerissenen präevolutionären Faden wieder auf und fördert das genetische Hin und Her unter Mikroben, Pflanzen und Tieren. Allmählich verschwinden so die Grenzen zwischen den Arten. Bald wird es nur eine Art noch geben, nämlich den genetisch modifizierten Menschen, während die Regeln der Open Source, die beim Computer den ungehinderten Austausch von Software garantiert, auch für den Austausch von Genen gelten. Die Evolution des Lebens, kurz und womöglich gut, vollzieht sich demnächst wieder in gemeinschaftlichem Wohlgefallen, nicht anders als in der guten alten prädarwinschen Zeit, als Lebewesen noch nicht in unterschiedliche Arten getrennt waren.

Wenn Venter auch diesem künftigen Frieden nicht trauen mag, so steht er doch an futuristischer Verve nicht hinter Dyson zurück. Allerdings ist er Realist genug, um zu betonen, dass er nie davon rede, Leben von Grund auf neu zu erschaffen. Er traut sich zu, neue Arten und neue Lebensformen zu entwickeln, bleibt dabei aber auf Materialien angewiesen, die er vorfindet. Aus dem Nichts kann selbst er keine Zelle zaubern. So weit, so bescheiden.

Der Rest ist unverdünntes Draufgängertum. Die Manipulation menschlicher Gene hält er nicht nur für möglich, sondern für wünschenswert. Gewiss, den Häftling, der ihn bat, eine attraktive Zellengefährtin genetisch maßzuschneidern, will er in Zukunft ebenso enttäuschen wie den widerlichen Herrenmenschen, der sich von ihm eine geistig unterentwickelte Arbeiterschicht wünschte. Aber, fragt Venter, wer könnte etwas gegen Menschen mit gentechnisch aufgepeppter Intelligenz haben? Oder gegen neue Genome, die neue, ungeahnte Quellen von Biotreibstoff erschließen? Niemand auf der Eastover Farm erschauert vor dem eugenischen Revival. Was in einer deutschen Runde heftige Kontroversen ausgelöst hätte, zieht hier unter Ahornwipfeln, die sanft in der Brise rauschen, unbeanstandet vorüber.

Immerhin gesteht Venter ein, dass eine Technologie, wie sie in dieser Potenz der Menschheit noch nicht zur Verfügung stand, unweigerlich auch ihn in Zweifel stürzt. Zumal, wenn er sich die Menschheitsgeschichte vor Augen führt. Venter blickt dennoch hoffnungsfroh in die Zukunft. Nicht anders George Church, der Molekulargenetiker aus Harvard, der dem Computer zutraut, das menschliche Gehirn zu überflügeln. Ob uns eine findig gemixte DNS helfen könnte? Der organische Chemiker Robert Shapiro, Emeritus der New York University, hat dagegen wenig für DNS als monopolistische Kraft übrig. Das Leben bestehe aus mehr als DNS. Aber woraus?

Wäre es denkbar, dass wir bestimmte Formen von Leben noch nicht zu erkennen wissen? Wer will uns versichern, dass ohne DNS nichts läuft? Warum sollte Leben nicht auch aus Mineralien erwachsen? Da bleibt nicht nur dem Laien die Spucke weg. Auch Venter fürchtet, Shapiro definiere Leben allzu locker. Aber der Genetiker peilt gleichfalls den Augenblick an, in dem einem unbelebten Objekt Leben eingehaucht wird. Das wäre, wie er glaubt, der nächste Meilenstein in der Erkundung und Aufbereitung des Lebens. Es kann nicht länger um den heißen Brei herum gefachsimpelt werden: Was ist Leben? Bringt einen nur in die philosophische Kacke, winkt Venter ab. Ist ein Virus ein Lebewesen? Muss Leben, um als Leben anerkannt zu werden, sich selbst reproduzieren? Ein bunter Schmetterling flattert durch die Debatte. So schwerelos kann Leben aussehen. Und so ungleich schwerer ist es zu beschreiben.

Seth Lloyd, der Quantenmechaniker vom Massachusetts Institute of Technology, weist verschmitzt darauf hin, dass die Wissenschaft über den Ursprung des Universums besser Bescheid weiß als über den Ursprung des Lebens. Vom Quantencomputer ausgehend, versucht er trotzdem, eine Ahnung von der Riesenmenge an Möglichkeiten zu geben, wie Leben entstanden sein könnte. Den würfelnden Gott, den Albert Einstein sich nicht vorstellen wollte, meint der so beziehungsreich wie unterhaltsam argumentierende Lloyd überall zu gewahren. Alles offenbart sich in seinem Lebenspanorama, ob hier auf Erden oder in unbegreiflicher Ferne, als eine Folge des Zufalls.

Und dem Zufall ist auch der Astrophysiker Dimitar Sasselov ausgeliefert. Obwohl sich bei ihm fachgerecht die Perspektive weitet, hat er nur wenige Orte im Universum anzubieten, die fürs Leben geeignet wären. Von den Super-Erden, wie Sasselov die Planeten nennt, die größer sind als die Erde, sind bislang nur fünf bekannt. Mit verbesserten Erkennungstechniken wären im All vielleicht hundert Millionen aufzutreiben. Nein, das ist, aufs gesamte Universum verteilt und bezogen, auch keine stattliche Zahl. Aber sie reicht, um uns Hoffnung auf wahrlich universalistische Mitbewohner zu machen. Mikrobisches Leben dürfte irgendwann, irgendwo in Erscheinung treten.

Wahrscheinlich auch Leben in Formen, die wir uns noch nicht ausmalen können. Es wird darauf ankommen, was wir seltsame Lebewesen unter Leben verstehen. Auf der Eastover Farm wurde unsere Vorstellungskraft schon einmal energisch getestet.

JORDAN MEJIAS

Text: F.A.Z., 31.08.2007, Nr. 202 / Seite 33

[English Translation]


John Brockman, Editor and Publisher
Russell Weinberger, Associate Publisher

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