|
|
FEUILLETON
Gott
würfelt doch;
Die Dritte Kultur verteidigt sich volksnah in New York
Andrian Kreye
October 1, 2003

Man
verspricht sich so einiges von einem Abend, der damit beginnt,
dass der Pionier der künstlichen Intelligenz Marvin Minsky das Publikum
erst einmal mit dem Satz alleine lässt, der da lautet: "Ich
glaube nicht, dass das Universum existiert." Denn dies ist genau
jene Sorte Provokation, die man von dem 76jährigen Naturwissenschaftler
gewohnt ist, der gerade erst mit zerrupftem Haarkranz und Hawaiihemd
einem Linienflug Tokio-New York entstiegen ist, und sich, bevor die Veranstaltung
richtig angefangen hat, schon mal entschuldigt, dass der Jet Lag seine
Argumentationsketten heute vielleicht etwas durcheinander bringen könne.
Natürlich ist das Koketterie, denn Minsky belehrt seine Zuhörer
innerhalb von zehn Minuten mit bestechender Klarheit darüber, dass
das Universum ein ebenso überholter Begriff ist, wie etwa das Bewusstsein
oder Gott, schließlich könne das Universum nicht in sich selbst
existieren, es müsse vielmehr eines von vielen Universen sein. Und
damit hat er das Gespräch auch schon in Schwung gebracht.
John Brockman, Literaturagent und Herausgeber des Online-Magazins
Edge, hat Marvin Minsky an diesem frühen Abend zusammen mit dem Wissenschaftsphilosophen
Daniel Dennett zu einer Podiumsdiskussion in den Lesesaal der New Yorker
Buchhandlung Barnes & Noble am Union Square geladen. Anlass ist die
Veröffentlichung des Essaybandes "The New Humanists" (Barnes & Noble
Books, New York, 496 Seiten, 19,95 Dollar). Darin hat John Brockman die
wichtigsten Argumente der Dritten Kultur mit Texten von Wissenschaftsprominenz
wie Marvin Minsky, Daniel Dennett, Steven Pinker, David Deutsch, und
Jared Diamond noch einmal zusammengestellt. Der Titel ist durchaus wörtlich
zu nehmen - seit zwölf Jahren kämpft John Brockman für
jene Bewegung aus Naturwissenschaftlern und Wissenschaftsphilosophen,
die den Geisteswissenschaften die intellektuelle Hoheit über die
Deutung des Menschen und der Welt streitig machen. In seiner Einführung
beschrieb Brockman noch einmal, wem seine Kampfansage gilt: Er propagierte
ein vom Wissenschaftsoptimismus geprägtes neues Denken gegen
den Kulturpessimismus des modernen Humanismus.
Nun konnte man eigentlich davon ausgehen, dass öffentliche Auftritte
von Marvin Minsky und Daniel Dennett vor wissenschaftlich aufgeschlossenem
Publikum stattfinden. Denn künstliche Intelligenz und Biosoziologie
sind nicht gerade die Themen, die man statt eines Kinobesuches als entspanntes
Vorabendprogramm genießt. Trotzdem wurde man an diesem Abend das
Gefühl nicht los, dass Minsky und Dennett längst geschlagene
Schlachten noch einmal ausfechten mussten.
Die neuen Humanisten
Zugegebenermaßen entwarfen die Vertreter der Dritten Kultur ein
recht unromantisches Bild vom Menschen. Bewusstsein, Denken, Lernen und
selbst den freien Willen demystifizierten sie als Vorgänge, die
bei aller Komplexität wissenschaftlich erklärbar sind. So hatte
der Neuropsychologe Steven Pinker vergangenes Jahr in seinem Bestseller "Das
unbeschriebene Blatt" die Grundlagen des humanistischen Menschenbildes,
von Locke, Rousseau und Descartes demontiert. Daniel Dennett ging in
seinem neuen Buch "Freedom Evolves" noch einen Schritt weiter
und untersuchte die evolutionären Ursprünge von Ethik, Moral
und freier Entscheidung. Determinismus, so sein Schluss, stehe keineswegs
im Widerspruch zum freien Willen des Menschen, denn er habe die Menschheit
geradezu angestachelt, mit den Realitäten der Evolution fertig zu
werden. Für Gott bleibt in dieser Weltsicht allerdings kein Platz,
denn Gott steht für Willkür, Zufall und Widersprüchlichkeit.
Die darf es in der Wissenschaft nicht geben, immerhin folgt selbst
die Chaostheorie gewissen eigenen Regeln.
Kein Wunder also, dass sich neben der triumphierenden Zustimmung
der Agnostiker im Publikum auch Zweifler meldeten. Bruce Feiler
zum Beispiel,
selbst Bestsellerautor, der in seinem letzten Buch mit missionarischem
Eifer die Gemeinsamkeiten von Judentum, Christentum und Islam in
der Figur des Propheten Abraham nachwies. Unerkannt von den übrigen
Teilnehmern stellte er sich ans Publikumsmikrophon und fragte, ob sich
die Wissenschaft mit dem Modell der multiplen Universen nicht um die
viel schwierigere Erklärung des Einen und der Unendlichkeit drücke.
Worauf ihn Marvin Minsky belehrte, dass es zwar unmöglich sei, herauszufinden,
ob man sich in einem singulären Universum befinde, die Erklärung
mehrerer Universen jedoch wissenschaftlich haltbar sei.
Religion ist Zucker fürs
Volk
Ein anderer Zuhörer wollte wissen, warum Minsky und Dennett so leidenschaftlich
das Religionsprinzip angriffen, obwohl der Vater der Biosoziologie Edward
O. Wilson den Glauben als eine der großartigsten Ideen der Menschheit
beschrieben habe. Geduldig erläutert Daniel Dennett dem jungen Mann,
man könne Religion mit dem Heißhunger auf Süßes
vergleichen. Dieser Drang, alles Süße sofort und in großen
Mengen zu verzehren, habe während früherer Entwicklungsstufen
der Menschheit eine wichtige Rolle gespielt, um Energie zu speichern.
Da der Mensch aber heute in der Regel keine langen Winter in der Steppe
mehr überleben muss, schade ihm der Zuckertrieb nun mehr als dass
er ihm nutzt. Genauso verhalte es sich mit der Religion. Deren großer
Dienst habe über Jahrhunderte darin bestanden, dass sie Erklärungen
für das Unerklärliche zu liefern vermochte. Doch habe sich
diese Funktion längst überlebt. Heute halte sie die Menschen
vielmehr davon ab, Erkenntnisse zu gewinnen.
So populär argumentieren die Vordenker der Dritten Kultur nur selten,
doch genau so könnte man den pragmatischen Aspekt ihrer Kampfansage
resümieren. Ihnen geht es nicht nur um die Ehre intellektuelle Deutungshoheit.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts stehen die Wissenschaften kurz vor enormen
Schritten. Das menschliche Genom ist entschlüsselt, die Nanoebene
der Technologie erreicht, menschliche und künstliche Intelligenz
sind erforschbar. Angesichts dieser neuen Möglichkeiten empfindet
die Wissenschaft dogmatische Ethik und die moralischen Lasten der Geschichte
als Hindernisse auf dem Weg zum Fortschritt. Ganz zu schweigen von der
Wissenschaftspolitik des amerikanischen Präsidenten, der auf Wähler
Rücksicht nehmen muss, die den Schöpfungsgedanken noch immer
für bare Münze nehmen.
Erst kürzlich verzweifelte Steven Pinker in einem Essay über
die laienhaften Ethiker, die die Forschung gesetzlich einschränken
wollen (SZ vom 15. Juli) und die mit den Gefahren von technologischen
Möglichkeiten argumentieren, wie sie eher im Bereich der Sciene
Fiction anzusiedeln sind. Dabei fordert die Dritte Kultur keineswegs
den totalitären Wissenschaftsglauben, wie es ihr oft vorgeworfen
wird.
Es gehe nicht darum, den Menschen auf seine biologischen und physikalischen
Prinzipien zu reduzieren, schreibt John Brockman in "The New Humanists".
Kunst, Literatur, Geschichte und Politik müssten lediglich lernen,
die Naturwissenschaften wieder in den intellektuellen Prozess einzugliedern.
Nur dann könnten Natur- und Geisteswissenschaften gemeinsam
an der Zukunft arbeiten.
Copyright © sueddeutsche.de GmbH/Süddeutsche
Zeitung GmbH |