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Er hat Gladiolen verkauft und Geldanlagen. Er war Hippie und Folksänger. Er hat Kunst gemacht mit Andy Warhol und Marketing für die Frauenbewegung sowie für Damenbinden. "Einstein, Gertrude Stein, Wittgenstein & Frankenstein" heißt eines seiner Bücher. Heute ist er Impresario von Nobelpreisträgern und lkonen der Computerbranche. Und gilt als "brüsk, aggressiv und rücksichtslos" ("The Independent"), als "flinker Geschäftemacher" ("The New York Times") oder als "Rotzlöffel" ("Wired"). Was sagt dieser Mann stets angetan mit Panamahut und pechschwarzer Sonnenbrille zur Begrüßung? John Brockman sagt: "Wissen Sie, ich bin so gelangweilt von mir selbst." Das, möchte man ihn trösten, ist nicht weiter schlimm. Denn der 60-Jährige verdient sein Geld damit, von anderen begeistert zu sein: Er gilt als erfolgreichster Agent für Wissenschaftsbücher und als zentrale Kraft einer Industrie, die medienkompatible Forscher aus ihren Labors zerrt und zu hoch bezahlten Stars der Popkultur macht. Sein Broterwerb aber ist ihm "nur ein Abfallprodukt" seiner wahren Leidenschaft: Brockman vernetzt einige der prägenden Denker unserer Zeit. Darüber ist der Nichtwissenschaftler selbst zu einem Protagonisten der Wissenschaft geworden. Seine Agentur Brockman Inc. mit Sitz in New York ist wie in den Jahren zuvor auch diese Woche mit einem eigenen Stand auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. "Wenn wir in Frankfurt einlaufen, ist Show-Time", sagt Brockman. "Dann setze ich meinen Hut auf und mein kühles Geschäftslächeln. Niemand braucht freundliche Buchagenten." Nur der Kopf unter dem Hut wird sich dabei wieder langweilen. Längst hat Brockman das für ihn dröge Tagesgeschäft an seine Frau Katinka Matson übertragen. Einen Großteil der Arbeit erledigt er per Internet von seinem Anwesen in Connecticut aus, der Eastover Farm von 1773.
Kaum schafft es ein Wissenschaftler auf die Titelseite der "New York Times" oder des "Wall Street Joumal", schon ist Brockman zur Stelle mit dem Versprechen, bei den Verlagen ein Millionenhonorar für ein populäres Buch auszuhandeln. Eine britische Zeitung fand für diese Überfalltaktik ein eigenes Wort: "brockmanen". Über Nacht hingeschluderte, halb gare Exposés seien eine Folge, klagen Branchenkenner. Eine andere sind verwirrte Spitzenforscher, die, von Brockman überrannt, ihre einmal gegebenen Zusagen nicht halten können. So musste Nobelpreisträger Murray Gell-Mann, für den Brockman Honorare von insgesamt über einer Million Dollar ausgehandelt haben soll, seinen Vorschuss zurückzahlen. Das langwierig zusammengestückelte Manuskript hatte nicht den Erwartungen des Verlags entsprochen. Später erschien "Das Quark und der Jaguar" bei einem anderen Verlag gegen ein Honorar von nur 50 000 Dollar. Auch Alan Guth, der die Inflationstheorie des Universums entwarf, kam mit seinem Werk lange nicht zu Rande und durchlief gleich drei Verlage. "Aber John hat das alles sehr gut abgefedert", lobt Guth. "Er war sehr verständnisvoll." Der Archäologe Eberhard Zangger, einer der raren deutschen Klienten, berichtet von einem eindrucksvollen Beispiel für Brockmans effektive Agentenmethoden. "Ich kam mit wenigen, sehr teuer hergestellten Vorabexemplaren meines neuen Buches auf die Frankfurter Messe", erinnert er sich. Gerade hatte Zangger erfahren, dass Brockman ihn vertreten wolle. "Ich war überglücklich, das ist das Größte, was man als Autor erreichen kann. Doch dann wurden plötzlich zwei meiner kostbaren Bücher gestohlen." Später kam Zangger an Brockmans Stand, um sich persönlich vorzustellen, und fand seinen neuen Agenten im Verkaufsgespräch mit einem der vermissten Exemplare in der Hand.
Wohl deshalb sitzt der brillante Stringtheoretiker, der mit seinem Bestseller "Das elegante Universum" für den Pulitzer-Preis nominiert war, an einem Vormittag Ende Juli etwas verloren an einem Holztisch auf der Eastover Farm und fragt: "Warum sind wir hier, John?" Zum rustikalen Stelldichein hat Brockman wie in jedem Sommer Geister geladen, die ihn nicht langweilen: Der Kosmologe Alan Guth ist gekommen oder Jordan Pollack, der Roboter erfand, die Roboter erfinden. Oder Jaron Lanier, Musiker und Pionier der virtuellen Realität. "Wir reden einfach darüber, wie sich derzeit alles ändert", antwortet Brockman blumig auf Brian Greenes Frage. Später, beim Mittagessen, flüstert er verschwörerisch: "Wer nichts vorbereitet, erntet die besten Ergebnisse." Der Satz kann als Motto durchgehen für das schillernde Leben Brockmans, der als Sohn eines Blurnenhändlers mit Anfang 20 Wirtschaft studierte, nur um innerhalb weniger Jahre Investmentbroker, Künstler, gefeierter Marketing-Guru und anerkannter Schriftsteller zu werden in dieser Reihenfolge. "In meinen Zwanzigern war ich ziemlich unschüchtern", erzählt er. "Ich traf, wen ich wollte, einfach, indem ich den Hörer abnahm und anrief." Damals kochte er regelmäßig mit dem Komponisten John Cage oder lungerte in Andy Warhols Factory herum. Sein viellicht grösstes Talent auf intelligente Art von sich reden zu machen vermietete er auch an Unternehmen. Oder an die Band The Monkees, deren Film "Head" ("Kopf") er bewarb, indem er überall Plakate mit seinem Kopf anbringen ließ. "Es gab auch eine Zeit, da versuchte John, ein ernsthafter Autor zu sein", erinnert sich der Schweizer Buchagent Peter Fritz, der Brockman seit 1975 kennt. "Doch dann stellte er fest, dass sich mit dem Verkauf der Werke anderer Autoren besser leben lässt. Und ein gutes Einkommen war ihm schon auch wichtig." Nach Stephen Hawkings Bestseller, erzählt Brockman, "sah ich die Marktlücke für populäre Bücher von Spitzenforschern. Die habe ich dann persönlich ausgeweitet."
So ist im Netz eine Art Version 2.0 des Salons entstanden, in dem die "klügsten Geister" des 19. Jahrhunderts zwanglos über Literatur parlierten. Im 21. setzen Forschung und Technik die Themen. Die letzte wissenschaftliche Exaktheit bleibt dabei auf der Strecke und mit ihr die drückende Erdschwere des Forschungsbetriebs. Nobelpreisträger Murray Gell-Mann meinte, einige der Diskussionen seien gut, andere nicht. Die Website enthalte "eine ansehnliche Menge Unsinn". Nur eines ist der Spielplatz wortmächtiger Wissenschaftler selten: langweilig. "Dritte Kultur" taufte Brockman die wachsende Gemeinde von Forschem, die ihren Elfenbeinturm verlassen, um sich in die öffentliche Debatte zu mischen sei es im Internet, in Interviews oder in Büchern. Den Begriff hat er sich beim Schriftsteller C.P. Snow ausgeliehen und als "griffiges Marketingwort" (Brockman) für seine Zwecke umgemünzt. In einer Dritten Kultur, träumte Snow vor 40 Jahren, sollten die beiden entfremdeten Kulturen der Natur- und Geisteswissenschaften wieder zusammenfinden. In Brockmans eigener Interpretation des Begriffs lösen die Wissenschaftler der Dritten Kultur jene selbst ernannten Intellektuellen ab, die auf perverse Weise stolz seien, die wirklich wichtigen Erkenntnisse unserer Zeit nicht zu kennen.
Begeistert wie ein Erstsemester umkreist Brockman an jenem Tag auf der Eastover Farm die hervorragenden Vertreter seiner Dritten Kultur, wirft Fragen ein, reicht Zettel mit Redeanweisungen in die Runde und fotografiert alles mit seiner Digitalkamera für die Website. "Ich habe eine Universität mit den besten Wissenschaftlern der Welt geschaffen", sagt er später. "Und ich bin ihr einziger Student." In den größten Momenten streiten die Professoren seiner virtuellen Universität über die größten Rätsel ihrer Wissenschaften darüber, was Information sei, oder ob unser Universum nur eine holographische Projektion höherdimensionaler Welten ist. Virtual-Reality-Papst Jaron Lanier und Evolutionsbiologe Marc Hauser überlegen allen Ernstes, ob man Tiere zu Forschungszwecken in einer komplett virtuellen Welt großziehen könnte, die völlig anderen Naturgesetzen gehorcht. "Lass uns ein Projekt machen", meint Lanier begeistert. Gern sähe es Brockman, wenn seine Denker ihren Elfenbeinturm noch einen Schritt weiter verließen: "Wie wäre es, wenn wir in Edge ein Beratungskomitee für Präsident Bush gründen?", fragt er beim Kaffee. Die Reaktionen in der Runde reichen von Entsetzen bis Interesse. "Man kann die Klon-Debatte und die Star-Wars-Pläne doch nicht irgendwelchen Leuten überlassen", meint der Hausherr. Politik, sagt er, interessiere ihn nicht. "Nur die Wahrheit." Die Realität zwingt die Dritte Kultur wenige Wochen später einen weiteren Schritt aus dem Elfenbeinturm. Das World Trade Center hat mehr als 6000 Menschen unter sich begraben. "Was nun?", fragt Brockman auf Edge lapidar in die Runde. Dutzende von Aufsätzen prasseln auf die Website nieder, wie sie kein wissenschaftliches Journal produzieren könnte. Historiker fassen ihre Forschungsergebnisse zum Islam zusammen, Philosophen denken über biologische Kriegsführung nach, Kognitionsforscher über die Macht der Nachrichtenbilder. Nur John Brockman verfasst keinen Beitrag und schweigt. Was ihn berührt und antreibt, bleibt unter seinem Panamahut verborgen. So steht es auch in einem jener Zen-artigen Sätze, die er früher mit dem 1997 verstorbenen Künstler James Lee Byars auszutauschen pflegte, "seinem engsten Freund". Byars schrieb: "Er trägt seinen Hut, um seinen Kopf zu verleugnen." JOCHEN WEGNER Copyright 2001 Focus Magazin Verlag GmbH |
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John Brockman, Editor and Publisher Copyright
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