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WER WEISS? By Jordan
Mejias EASTOVER FARM, Ende Juli Platon hatte sich einen Olivenhain ausgesucht, um die Welt endlich mit ihrer ersten Akademie zu versehen. Oliven aber sind in Neuengland rar. Dafuer gibt es maechtige Ahornbaeume, und unter einem knorrigen, besonders altehrwuerdigen Exemplar auf der Eastover Farm in Connecticut versammelten sich juengst Akademiker, die Laboratorien und Hoersaelen entronnen waren und auf den Spuren ihrer intellektuellen Vorfahren sich in der freien Natur nicht nur ueber diese unterhielten. Ein berufsmaessiger Philosoph fehlte, was als Ueberraschung kaum gelten durfte. Denn die Einladung zum Symposion en plain air war von dem Internetsalon "Edge" ausgegangen, dessen Begruender John Brockman die Dritte Kultur ausgerufen hat und damit beschaeftigt ist, die Grenze zwischen den Wissenschaften der Natur und denen des Geistes zu verwischen. Also brachte der Computerwissenschaftler David Gelernter aus Yale die Kunde mit, dass die Industrie sich mit viel mehr Energie in die Forschung stuerze als die Universitaeten. Darueber war der Professor, der nebenbei auch Unternehmer ist, schon ein wenig besorgt, zumal das Internet ins Wettrennen um die Wissensvermittlung erst gestartet sei und bald die universitaere Konkurrenz ueberrunden koennte. Die These stiess auf keinen Widerspruch. Einig waren sich auch Jaron Lanier, dem die virtuelle Realitaet ihren Namen verdankt, und der an Brandeis fuer die Robotik zustaendige Jordan Pollock, dass die Software der Hardware hinterherhinke, ja sogar immer mehr an Boden verliere. Im frei flottierenden Gedankenaustausch legten die Wissenschaftler dem wild galoppierenden Fortschritt jedoch immer wieder Zuegel an. Darin unterscheiden sie sich erheblich von uns Durchschnittsmenschen. Waehrend wir etwa meinen, zwischen einem toten und lebenden Wesen unterscheiden zu koennen, wagt kein Fachmann sich an eine Definition des Lebens. Aehnlich ging es hier zu. Die Wissenschaft enthuellte ihr fundamentales Nichtwissen. "Wir wissen nicht, was Information ist", sagte Lee Smolin, Physiker von der Pennsylvania State University, und keine der Informationskoryphaeen konnte es ihm erklaeren. Brian Greene, der an der Columbia University Mathematik und Physik lehrt und Bestseller ueber die "String Theory" schreibt, sass laechelnd, wiewohl ratlos vor den Begriffen Raum und Zeit: "Wir wissen nicht, was es ist." Der Evolutionspsychologe Marc D. Hauser, aus Harvard angereist, nahm sich das Raetsel des menschlichen Gehirns vor, eines Koerperteils, der uns in der Illusion wiege, mehr zu wissen, als tatsaechlich der Fall sei. Die Einsicht verdankt er nicht zuletzt Noam Chomsky. Vielleicht manifestieren sich auch so wieder die Folgen der Quantenmechanik, die, wie der Kosmologe Alan Guth vom Massachusetts Institute of Technology erzaehlte, den Kosmos in Moeglichkeiten beschreibe. Wo soll da noch Platz fuer Gewissheiten sein? Guth sprach von dunkler Energie, die sechzig Prozent der Gesamtenergie des Universums ausmache. Aber: "Wir wissen nicht, was es ist." Sie wissen mehr, die Wissenschaftler, als ihre Vorgaenger je wussten, aber am Ende, wenn sie ihr Wissen zusammenaddieren, wissen auch sie nur ganz sokratisch, dass sie nichts wissen. Heute, wo jeder Tag mit einer neuen Entschluesselung aufwartet, fehlen uns weiter die Schluessel zu Urgrund und Urgesetzen. Der Ahornbaum, unter dem die Wissenschaftler im gruenen Connecticut spekulierten, taugte allenfalls als Baum begrenzter Erkenntnis. In diesem Sinne beging der virtuelle Cybersalon keinen Fauxpas, als er sich im reellen Ahornschatten einen Sommertag lang rekonstituierte, um zu erwaegen, wer wir sind, wie wir leben und - vor allem - leben werden. War der temporaere Wechsel des Aggregatzustands nicht vielmehr ein Zeichen auch der von der Runde immerhin als bewiesen angesehenen Instabilitaet unserer revolutionaeren Zeiten? Wer weiss. Copyright © 2001 Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH Frankfurter |
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John Brockman, Editor and Publisher Copyright
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